Familie W. weiß, wie sich das anfühlt. Vor mehr als zehn Jahren verbrühte sich die damals sieben Monate alte Felicitas schwer mit heißem Wasser. 47 Prozent ihrer Körperoberfläche waren verbrannt, sie wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen, lag sechs Wochen im künstlichen Koma und musste insgesamt sieben Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. Acht Wochen verbrachten ihre Eltern an ihrer Seite im Krankenhaus. Doch während alle um das Leben der kleinen Schwester bangten, begann auch für die Schwester Annemarie, damals zweieinhalb Jahre alt, eine Zeit, die sie bis heute nicht vergessen hat.
Wenn plötzlich alles anders ist
„Es war ein absoluter Schock“, erinnert sich die Mutter. Die ersten Tage waren geprägt von der Angst, ob ihre Tochter überhaupt überleben würde. Erst nach drei Tagen kam die erlösende Nachricht, dass Felicitas außer Lebensgefahr war. Für die Eltern begann eine Zeit voller Sorgen, Operationen und medizinischer Entscheidungen. Gleichzeitig mussten sie eine zweite Aufgabe bewältigen: Sie wollten ihrer älteren Tochter gerecht werden. Annemarie zog während der acht Wochen Krankenhausaufenthalt zu ihren Großeltern. Ihre Eltern besuchten sie so oft wie möglich, doch der Familienalltag war plötzlich vollkommen verändert. „Im Nachhinein können wir sagen, dass diese Zeit auch für Annemarie sehr schwer gewesen ist“, sagt die Mutter.
Geschwister leiden oft still
Annemarie selbst erinnert sich trotz ihres jungen Alters noch an einzelne Bilder: an den Unfallabend, an Besuche im Krankenhaus und an die Zeit bei ihren Großeltern. „Ich wollte einfach mitgenommen werden“, beschreibt sie rückblickend. Nicht alles verstehen zu können, war für sie besonders belastend. Gleichzeitig spürte sie, wie ernst die Situation war. Geschwister erleben häufig dieselben Ängste wie ihre Eltern. Sie machen sich Sorgen um Schwester oder Bruder, vermissen Mama und Papa und müssen plötzlich ihren Alltag ohne sie bewältigen. Viele fragen sich, ob sie selbst etwas hätten verhindern können oder ob sie jetzt besonders brav sein müssen, um ihre Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Diese Gefühle bleiben oft unausgesprochen.
Einbezogen werden statt außen vor bleiben
Rückblickend ist Annemarie vor allem eines wichtig: dass sie nicht ausgeschlossen wurde. Auch wenn sie ihre Schwester zunächst nicht auf der Intensivstation besuchen durfte, versuchten ihre Eltern, sie immer wieder einzubeziehen. Treffen in der Krankenhauscafeteria, Besuche ihres Vaters bei ihr und ehrliche Gespräche halfen ihr, die Situation besser zu verstehen. Für ihre Eltern ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit. Geschwister brauchen altersgerechte Informationen und das Gefühl, weiterhin Teil der Familie und des Geschehens zu sein – auch wenn sich gerade alles um das verletzte Kind dreht.
Offen über den Unfall sprechen
Auch Jahre später entscheidet sich die Familie bewusst gegen das Verdrängen. Gemeinsam haben sie ein Fotobuch über die Zeit im Krankenhaus erstellt. Felicitas nimmt es bis heute gelegentlich mit in die Schule, wenn Mitschüler Fragen zu ihren Narben haben. Die Familie verfolgt dabei eine klare Haltung: Offenheit nimmt Unsicherheit. Als eine Mitschülerin in der fünften Klasse Felicitas wegen ihrer Narben kränkte, suchten die Eltern das Gespräch mit der Schule. Anschließend erklärte Felicitas gemeinsam mit ihren Lehrkräften ihrer Klasse, was damals passiert war. Seitdem spielen die Narben kaum noch eine Rolle. Diese Offenheit hilft nicht nur Felicitas selbst, sondern auch ihrer Schwester. Beide erleben, dass Fragen gestellt werden dürfen und niemand sich verstecken muss.
Hilfe anzunehmen ist Stärke
Der Unfall hat die gesamte Familie traumatisiert. Deshalb nahmen alle Familienmitglieder im Laufe der Zeit professionelle Unterstützung in Anspruch. Auch Schuldgefühle waren zunächst ein großes Thema. „Letztendlich sind wir gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen: Es war ein Unfall. Unfälle passieren,“ so die Mutter. Zusätzlich fand die Familie Unterstützung bei Paulinchen e.V. Durch den Austausch mit anderen betroffenen Familien merkten sie, dass sie mit ihrer Situation nicht allein sind. Besonders die Paulinchen-Seminare und Begegnungen mit anderen Betroffenen gaben ihnen neue Zuversicht.