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Geschwister leiden oft still

Wenn Geschwister nach einem Verbrennungsunfall mitbetroffen sind: Ein Verbrennungs- oder Verbrühungsunfall verändert das Leben einer Familie von einem Moment auf den anderen. Während sich zunächst alles um das verletzte Kind dreht, geraten diejenigen leicht aus dem Blick, die den Unfall ebenfalls erleben und mittragen: die Geschwister.

Sie haben Fragen und möchten sich zu dem Thema weiter informieren? Kontaktieren Sie dazu auch gerne die Beratungshotline für Familien mit brandverletzten Kindern von Paulinchen e.V.: 0800 0 112 123

So können Sie Geschwister stärken

Ein Verbrennungs- oder Verbrühungsunfall betrifft niemals nur das verletzte Kind. Auch Geschwister tragen die Folgen mit – oft leise und unauffällig. Gerade deshalb brauchen sie Aufmerksamkeit, ehrliche Gespräche und das Gefühl, dass ihre Sorgen genauso wichtig sind.

  • Sprechen Sie offen über den Unfall. Erklären Sie Ihrem Kind altersgerecht, was passiert ist. Ehrliche Informationen nehmen Ängste und verhindern, dass Kinder sich eigene Erklärungen zurechtlegen oder Schuldgefühle entwickeln.
  • Beziehen Sie Geschwister aktiv ein. Kleine Aufgaben wie ein Kuscheltier aussuchen, ein Bild malen oder eine Sprachnachricht schicken helfen, sich weiterhin als wichtiger Teil der Familie zu fühlen.
  • Halten Sie den Kontakt aufrecht. Telefonate, Videoanrufe, Fotos oder Briefe können die Verbindung zwischen den Geschwistern stärken, wenn Besuche im Krankenhaus nicht möglich sind.
  • Nehmen Sie Gefühle ernst. Angst, Eifersucht, Traurigkeit oder Schuldgefühle sind normale Reaktionen. Sprechen Sie darüber und holen Sie sich bei Bedarf professionelle Unterstützung.
  • Schenken Sie bewusst Zeit. Auch kurze gemeinsame Momente, feste Rituale oder kleine Unternehmungen allein mit dem Geschwisterkind vermitteln: „Du bist genauso wichtig.“
  • Überfordern Sie Geschwister nicht. Kinder dürfen helfen, sollten aber keine Verantwortung übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen.
  • Nehmen Sie Unterstützung an. Angehörige, Freunde, Schule, Kita oder Beratungsangebote wie Paulinchen e.V. können Familien entlasten und helfen, gemeinsam durch diese besondere Zeit zu gehen.

Familie W. weiß, wie sich das anfühlt. Vor mehr als zehn Jahren verbrühte sich die damals sieben Monate alte Felicitas schwer mit heißem Wasser. 47 Prozent ihrer Körperoberfläche waren verbrannt, sie wurde mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik geflogen, lag sechs Wochen im künstlichen Koma und musste insgesamt sieben Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. Acht Wochen verbrachten ihre Eltern an ihrer Seite im Krankenhaus. Doch während alle um das Leben der kleinen Schwester bangten, begann auch für die Schwester Annemarie, damals zweieinhalb Jahre alt, eine Zeit, die sie bis heute nicht vergessen hat.

Wenn plötzlich alles anders ist

„Es war ein absoluter Schock“, erinnert sich die Mutter. Die ersten Tage waren geprägt von der Angst, ob ihre Tochter überhaupt überleben würde. Erst nach drei Tagen kam die erlösende Nachricht, dass Felicitas außer Lebensgefahr war. Für die Eltern begann eine Zeit voller Sorgen, Operationen und medizinischer Entscheidungen. Gleichzeitig mussten sie eine zweite Aufgabe bewältigen: Sie wollten ihrer älteren Tochter gerecht werden. Annemarie zog während der acht Wochen Krankenhausaufenthalt zu ihren Großeltern. Ihre Eltern besuchten sie so oft wie möglich, doch der Familienalltag war plötzlich vollkommen verändert. „Im Nachhinein können wir sagen, dass diese Zeit auch für Annemarie sehr schwer gewesen ist“, sagt die Mutter.

Geschwister leiden oft still

Annemarie selbst erinnert sich trotz ihres jungen Alters noch an einzelne Bilder: an den Unfallabend, an Besuche im Krankenhaus und an die Zeit bei ihren Großeltern. „Ich wollte einfach mitgenommen werden“, beschreibt sie rückblickend. Nicht alles verstehen zu können, war für sie besonders belastend. Gleichzeitig spürte sie, wie ernst die Situation war. Geschwister erleben häufig dieselben Ängste wie ihre Eltern. Sie machen sich Sorgen um Schwester oder Bruder, vermissen Mama und Papa und müssen plötzlich ihren Alltag ohne sie bewältigen. Viele fragen sich, ob sie selbst etwas hätten verhindern können oder ob sie jetzt besonders brav sein müssen, um ihre Eltern nicht zusätzlich zu belasten. Diese Gefühle bleiben oft unausgesprochen.

Einbezogen werden statt außen vor bleiben

Rückblickend ist Annemarie vor allem eines wichtig: dass sie nicht ausgeschlossen wurde. Auch wenn sie ihre Schwester zunächst nicht auf der Intensivstation besuchen durfte, versuchten ihre Eltern, sie immer wieder einzubeziehen. Treffen in der Krankenhauscafeteria, Besuche ihres Vaters bei ihr und ehrliche Gespräche halfen ihr, die Situation besser zu verstehen. Für ihre Eltern ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit. Geschwister brauchen altersgerechte Informationen und das Gefühl, weiterhin Teil der Familie und des Geschehens zu sein – auch wenn sich gerade alles um das verletzte Kind dreht.

Offen über den Unfall sprechen

Auch Jahre später entscheidet sich die Familie bewusst gegen das Verdrängen. Gemeinsam haben sie ein Fotobuch über die Zeit im Krankenhaus erstellt. Felicitas nimmt es bis heute gelegentlich mit in die Schule, wenn Mitschüler Fragen zu ihren Narben haben. Die Familie verfolgt dabei eine klare Haltung: Offenheit nimmt Unsicherheit. Als eine Mitschülerin in der fünften Klasse Felicitas wegen ihrer Narben kränkte, suchten die Eltern das Gespräch mit der Schule. Anschließend erklärte Felicitas gemeinsam mit ihren Lehrkräften ihrer Klasse, was damals passiert war. Seitdem spielen die Narben kaum noch eine Rolle. Diese Offenheit hilft nicht nur Felicitas selbst, sondern auch ihrer Schwester. Beide erleben, dass Fragen gestellt werden dürfen und niemand sich verstecken muss.

Hilfe anzunehmen ist Stärke

Der Unfall hat die gesamte Familie traumatisiert. Deshalb nahmen alle Familienmitglieder im Laufe der Zeit professionelle Unterstützung in Anspruch. Auch Schuldgefühle waren zunächst ein großes Thema. „Letztendlich sind wir gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen: Es war ein Unfall. Unfälle passieren,“ so die Mutter. Zusätzlich fand die Familie Unterstützung bei Paulinchen e.V. Durch den Austausch mit anderen betroffenen Familien merkten sie, dass sie mit ihrer Situation nicht allein sind. Besonders die Paulinchen-Seminare und Begegnungen mit anderen Betroffenen gaben ihnen neue Zuversicht.

 

Weitere Informationen und Angebote für Geschwisterkinder finden Sie auch unter https://www.geschwisterkinder-netzwerk.de/