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Louisas Unfall und die Folgen

- aus der Paulinchen - Dokumentation 1999 mit Anschlussbericht.

Diesen Artikel widmen wir all denen, die uns geholfen haben, die Zeit w├Ąhrend und nach dem Unfall gut zu ├╝berstehen. Unseren Kindern, Eltern, Geschwistern, Freunden und Paulinchen e.V., sowie dessen Mitgliedern.

Louisas Unfall geschah am 02.11.97 - sie war damals 2 Jahre alt. Sie befand sich bei meinem Mann in der K├╝che, der sich gerade Wasser aufkochte. Sie kletterte auf einen Hocker, kam dabei ins Wanken und hielt sich an meinem Mann fest. Durch die Ersch├╝tterung schwappte hei├čes Wasser aus dem Becher und ergoss sich ├╝ber Louisa. Sie fing f├╝rchterlich an zu schreien.

Ich rannte in die K├╝che, fragte was passiert sei, packte sie und stellte sie unter die kalte Dusche. Doch ihre Schreie waren so durchdringend und schrecklich und wurden durch das kalte Wasser noch schlimmer, so dass wir nur ca. 3 Minuten k├╝hlten. L├Ąnger haben wir es nicht ausgehalten, diese heute noch in meinen Ohren nachklingenden Schreie zu h├Âren. W├Ąhrend des Duschens zogen wir ihr die Kleidung aus und sahen, dass ihre Haut am rechten Arm und am Oberk├Ârper nur noch in "Fetzen" runter hing. Zeitgleich versuchte ich einen Krankenwagen anzurufen. In meiner Panik w├Ąhlte ich zun├Ąchst die Nummer der Polizei, die besetzt war. Dann w├Ąhlte ich 112 und als ich dort nach mehrmaligen Klingeln keiner meldete, legte ich auf und wir beschlossen selber ins nahegelegene Krankenhaus zu fahren. Dort trafen wir ca. 8 bis 10 Minuten nach dem Unfall ein. Ohne Wartezeit wurden wir in der Notfallambulanz von Dr. X und seinem Team in Empfang genommen.

Da sich Louisa immer noch vor Schmerzen kr├╝mmte, bekam sie als erste Ma├čnahme ein Schmerz- und Beruhigungsmittel. Aber ohne die Wirkung der Arzneimittel abzuwarten, begann der Arzt sofort damit, Hautreste und Bl├Ąschen vom K├Ârper unserer Tochter abzuziehen. Daraufhin b├Ąumte sich Louisa so stark auf, dass sie auch mit 4 Mann nicht festzuhalten war. Trotzdem setzte der Arzt seine T├Ątigkeit fort und sagte in unwirschem Ton, dass wir unsere Tochter besser festhalten sollten. Um Louisa zu beruhigen, begannen wir zu singen. Daraufhin meinte Dr. X, dass wir damit bitte aufh├Âren sollten, weil wir damit das Kind weiter verunsichern w├╝rden. Als Eltern waren wir uns sicher, mit unserer Ma├čnahme Louisa zu helfen, dennoch h├Ârten wir damit auf, weil das Singen ganz offensichtlich den Arzt st├Ârte und wir jede Stresssituation vermeiden wollten. Danach wurde Louisa mit Flammazinesalbe eingerieben und verbunden. Beim Verbinden war sie wieder kaum zu b├Ąndigen und riss sich den Verband sogleich vom K├Ârper. Auf unsere Bitte hin, den Verband noch einmal zu erneuern, erwiderte Dr. X, dass es keinen Zweck h├Ątte, weil sich das Kind den Verband sowieso wieder herunterrei├čen w├╝rde und es keine Alternativen g├Ąbe.

Mit dem Hinweis, dass wir am n├Ąchsten Tag einen Verbandswechsel bei unserem Kinderarzt vornehmen sollten, war die Sache f├╝r Dr. X erledigt. Wir k├Ânnten nach Erledigung der Formalit├Ąten nach Hause fahren, und unser Kind schlafen legen. Er schickte mich mit dem immer noch schreienden, fast nackten Kind (wir hatten nur ein d├╝nnes OP-Tuch lose um sie herumgelegt) auf den mit anderen Leuten besetzten Flur. Mein Mann sollte in einem Nebenraum die Formalit├Ąten erledigen. Als eine Schwester uns auf dem Gang entdeckte und uns wieder hereinbat, schickte Dr. X uns unfreundlich wieder nach drau├čen, obwohl Louisa schrie und stark fror. Sp├Ąter erst bekamen wir eine neue Windel, sowie eine Krankenhausdecke, da ihre eigenen Sachen durch das Duschen durchn├Ąsst waren.

Zu Hause angekommen legten wir Louisa ins Bett. Da sie sich nicht beruhigte, schlugen wir in einem ├Ąrztlichen Ratgeber nach und lasen, dass Kinder mit Verbr├╝hungen, die mindestens 5% der K├Ârperoberfl├Ąche betreffen, station├Ąr behandelt werden m├╝ssen. Es war offensichtlich, dass bei Louisa erheblich mehr Haut in Mitleidenschaft gezogen war. So entschlossen wir das n├Ąchstgelegene Kinderkrankenhaus anzurufen. Nach unserer Schilderung bat uns der diensthabende Arzt, Louisa sofort zu ihnen zu bringen. Dort angekommen sch├╝ttelten die ├ärzte nur den Kopf und kl├Ąrten uns ├╝ber die Schwere der Verbrennungen auf, die sie aber auch noch untersch├Ątzt hatten - dazu aber sp├Ąter. Sie rieten uns, Louisa noch in dieser Nacht zu gerben, d.h. ihre Haut w├╝rde gewaschen und die vorher darauf gecremte Fammazinesalbe wieder abgeschrubbt und danach mit Mercurochrom (Wirkstoff Merbromin) eingepinselt. Dieses trocknet und bildet eine feste Kruste - eine Art Schutzfilm ├╝ber der verbrannten Haut - so dass die Infektionsgefahr weitgehend ausgeschaltet wird.

Also wurde Louisa gegen 21 Uhr mit Vollnarkose in den OP geschoben. Wir waren dabei so machtlos und besonders mir fiel es unendlich schwer, mein Allerliebstes auf der Welt so hilflos und leblos zu sehen und an der OP-T├╝r abzugeben. Jetzt hatten wir auf einmal Zeit und so kamen auch die st├Ąndigen Fragen, die mich noch das ganze n├Ąchste Jahr gequ├Ąlt haben: wie konnte das passieren, warum nur ...? Zum Gl├╝ck gab es da noch unsere andere Tochter Antonia (damals 4 Monate alt), die ihr Recht einforderte und gestillt werden wollte, sowie meine Schwester, die uns Antonia ins Krankenhaus gebracht hatte. Beide versuchten auf ihre Weise mich vom "Warten, Gr├╝beln und Schwarzmalen" abzulenken. Endlich nach anderthalb Stunden kam ein Arzt und erkl├Ąrte uns, dass Louisa alles gut ├╝berstanden habe.

Was wir zum damaligen Zeitpunkt aber nicht wussten, war dass erstens in dem Wirkstoff Silbernitrat enthalten ist und dieses sich auf Lebenszeit ins Fettgewebe der Haut einlagert und zweitens die Schwere der Verbrennung sich erst am zweiten und dritten Tag richtig einsch├Ątzen l├Ąsst. Das ├ärzteteam ging von Verbrennungen ersten bis zweiten Grades aus, was aber falsch war. Durch das Gerben und den damit erzeugten Schutzfilm konnten wir erst vier Wochen sp├Ąter erkennen, dass ihre Haut dritten Grades verbr├╝ht war. Dieser Schutzfilm stellte sich im Nachhinein als fester Panzer heraus, der nur wieder unter lautem Schreien von Louisa St├╝ck f├╝r St├╝ck, Tag f├╝r Tag mit einer Nagelschere ├╝ber zwei Wochen lang abgeschnitten werden konnte. 

Die Zeit im Krankenhaus war mit viel Leid und Schmerzen verbunden. Jeder von  Ihnen wei├č, wie schwer es ist, das, was man wirklich f├╝hlt zum Ausdruck bringen zu k├Ânnen.

Hier nun in Kurzform unseren zweieinhalb - w├Âchigen Krankenhausaufenthalt in der Kinderklinik. Louisa bekam nach der OP starke Schmerzmittel, so dass sie sich 24 Stunden in einem D├Ąmmerzustand befand. Zwischendrin schreckte sie immer hoch und schrie laut "Aua, aua". Nachts hat sie die ersten drei Tage, in denen sie auch Fieber hatte, kaum geschlafen. Ab dem vierten Tag wurde es besser, sie durfte kurz mal auf den Arm, ansonsten musste sie liegen, da die Kruste sehr spannte. Louisa konnte sich kaum bewegen. Trotzdem ging es ihr ab dem vierten Tag jeden Tag ein St├╝ck besser. Wir konnten uns wieder an kleinen Dingen freuen. Wir lasen Louisa unendlich viele B├╝cher vor, ein Grund daf├╝r, dass sie bis heute noch viel Spa├č dabei hat. Au├čerdem war Louisa vor dem Unfall nie ein kuscheliges oder z├Ąrtliches Kind, aber jetzt im Krankenhaus genoss sie es, mit uns im Bett zu liegen und zu schmusen. Unseren Familien sei an dieser Stelle nochmals Dank gesagt. Sie erm├Âglichten, dass wir Louisa im Krankenhaus abwechselnd rund um die Uhr betreuen konnten.

Nach zweieinhalb Wochen wurde Louisa mit einer offenen Restwunde am Arm entlassen. Zu Hause angekommen, cremten wir, wie von den ├ärzten empfohlen, die offene Wunde mit Cortisoncreme ein und badeten in Desinfektionsmitteln. Aber nach weiteren anderthalb Wochen zeigte sich keine Besserung. Nun machten uns die ├ärzte bei einer Nachuntersuchung das erste Mal auf die M├Âglichkeit aufmerksam, vielleicht Haut zu transplantieren. Wir fielen aus allen Wolken, hie├č es doch bis dahin die Verbr├╝hung sei nur zweiten Grades und w├╝rde so verheilen.

Nach schlechter Erstversorgung

Eine Woche sp├Ąter erfuhr ich durch Zufall durch das Sanit├Ątshaus von der Elterninitiative brandverletzte Kinder - Paulinchen e.V. Endlich, nachdem wir soviel durchgemacht hatten, wurde uns von Gleichgesinnten das erste Mal auch seelischer Beistand zuteil. Auch die vielen kompetenten Tipps haben uns sehr weitergeholfen. Wir mussten nun nicht mehr hilflos zusehen, sondern konnten selber etwas tun. So nahm ich auch gerne den Rat an, Louisa in dem n├Ąchstgelegenen Zentrum f├╝r Schwerbrandverletzte vorzustellen. Dieses taten wir auch und wurden dann, aus heutiger Sicht, kompetent und richtig aufgekl├Ąrt. Da ihre Wunde am Arm dritten Grades verbr├╝ht war, empfahlen uns die ├ärzte so schnell wie m├Âglich zu transplantieren, da es sonst nur zu unsch├Ânen Hautwucherungen kommen w├╝rde. Wir nahmen den ersten freien Termin und trafen 7 Tage sp├Ąter im Kinderkrankenhaus ein, in dem die ├ärzte aus der Spezialklinik operieren. Die OP verlief gut, es wurde ein 1,5 x 4 cm gro├čes St├╝ck Haut aus Louisas Oberschenkel entnommen , "breitgewalzt" und 4 x 7 cm am Arm wieder eingesetzt. Das Transplantat wuchs gut an, wir waren nach 6 Tagen schon wieder zu Hause. W├Ąren wir gleich in der Spezialklinik gelandet, h├Ątte wahrscheinlich der ganze Krankenhausaufenthalt sich auf 2 Wochen verk├╝rzt. So waren jetzt schon 4 Wochen seit dem Unfall vergangen.

Jeder, der auch in solch einen Unfall verwickelt war, wei├č, dass noch viel mehr dahintersteckt, als nur die Haut heilen zu lassen. Wir waren sehr dankbar f├╝r die Hilfe von Paulinchen e.V., lernten andere Betroffene kennen, redeten ├╝ber den Unfall und die Folgen, oder holten uns einfach nur Trost in schweren Stunden. Wir bekamen aber auch praktische Tipps, welches Sanit├Ątshaus am besten sei oder was es f├╝r Cremes f├╝r die Haut gibt. Zun├Ąchst cremten wir ein- bis dreimal t├Ąglich die verbr├╝hten Hautstellen mit Combouduronsalbe von Weleda  ein. Sp├Ąter trug Louisa 22 Stunden t├Ąglich Acante-Gelfolie. Die restlichen 2 Stunden cremten wir. Louisa vertrug beides sehr gut. Durch das konsequente Tragen von Gelfolie in Kombination mit dem Kompressionshemd ├╝ber einen Zeitraum von anderthalb Jahren sieht ihre Haut jetzt sehr gut aus. 

In den vergangenen Monaten normalisierte sich der Alltag, aber im Hinterkopf blieben immer noch viele Ängste und Vorwürfe. Und somit hat uns das von Paulinchen e. V. veranstaltete Seminar in Rummelsberg, was wir ein Jahr nach dem Unfall besuchten, sehr geholfen. Hier fanden wir neue Freunde, konnten über alles reden und Louisa einem anderen Ärzteteam vorstellen.

Erst jetzt, wo alle offen ├╝ber ihre ├ängste sprachen, wurde mir vieles bewusst, was ich bis dahin verdr├Ąngt hatte. Ich will nur ein Beispiel nennen: Jedesmal, wenn ich nicht bei meinen Kindern war und eine Sirene vom Feuerwehrauto oder Krankenwagen h├Ârte, bekam ich Magendr├╝cken und eine G├Ąnsehaut. Ich dachte immer, es sei etwas Schlimmes passiert, und sie fahren bestimmt zu meinen Kindern. Aber im Seminar sagte ein Herr, man k├Ânnte es ja auch anders sehen und umdrehen: Der Unfall sei passiert, da kann man nichts mehr machen, aber jetzt kommt die Hilfe, jetzt wird alles wieder gut. Obwohl bei uns dann nicht unmittelbar die Hilfe kam, hat mir dieser Rat bis heute sehr geholfen. Auch haben wir im Seminar gelernt, "es zu akzeptieren", die Haut so zu nehmen, wie sie ist. Nicht mehr an ein "wie sch├Ân war es vorher" zu denken, sondern nur noch ein "jetzt ist es so, wie geht es weiter" zu praktizieren. Wir k├Ânnen f├╝r unseren Teil sagen, dass wir Louisas Haut jetzt so akzeptieren, wie sie ist, und es uns nicht mehr weh tut, sie anzusehen.

So berichten wir jetzt auch vielen vom Unfall, den Gefahren und dem Danach und hoffen, damit das Bewusstsein anderer zu sch├Ąrfen. Vielleicht kann dadurch ein weiterer Unfall vermieden werden. So war es f├╝r uns auch ein wichtiger Schritt, gegen den erstbehandelnden Arzt vorzugehen.

Ein Arztfehler und was kommt dann?

Wer meinen Bericht zu Louisas Unfall gelesen hat, wei├č, was wir durchgemacht haben. Dies und das unglaubliche Verhalten des Arztes hat uns veranlasst gegen den Arzt vorzugehen. Hier vorweg erst einmal ein paar "Schlagzeilen": Das Verfahren l├Ąuft jetzt seit anderthalb Jahren und unsere Beschwerdemappe umfasst bis heute ca. 100 Seiten. In dieser Zeit ist ein Gutachten bei der Schlichtungsstelle abhanden gekommen, und eine Stellungnahme bei der ├ärztekammer verloren gegangen. Wir mussten mehrmals Einspruch erheben, z.B. gab es 3 falsche Beurteilungen, was Verbr├╝hungsgrad und Gr├Â├če der Wunde angeht, eine falsche Stellungnahme und eine fehlende Stellungnahme des behandelnden Arztes.

Aber nun zum Einzelnen. Nachdem wir durch die spezialisierten ├ärzte und Paulinchen e.V. aufgekl├Ąrt wurden, was alles schiefgelaufen war, entschlossen wir uns gegen den erstbehandelnden Arzt, ich nenne ihn Dr. X, in irgendeiner Weise vorzugehen.

Wir suchten als erstes einen Anwalt auf, der sich auf ├ärztefehler spezialisiert hat, um uns beraten zu lassen. Dieser meinte, dass wir uns in unserem Fall erst einmal an die Schlichtungsstelle f├╝r Arzthaftpflichtfragen wenden sollten. Er empfahl uns dort den Fall vorzutragen und die Untersuchung der Kammer abzuwarten, zu der diese gesetzlich verpflichtet ist. Denn wenn die Schlichtungsstelle dem Arzt Recht gegeben h├Ątte, h├Ątten wir nur eine geringe Chance gehabt, den Fall zu gewinnen. Also schilderten wir in einem neunseitigen Brief den Vorgang und die Vers├Ąumnisse des Dr. X.  Wir warfen ihm folgende Punkte vor (Originalauszug):

  • Dr. X wusste, dass wir schon 8 bis 10 Minuten nach dem Unfall im Krankenhaus eingetroffen waren und unsere Tochter 3 - 5 Minuten gek├╝hlt hatten. Noch bis zu einer Stunde nach dem Unfall h├Ątten jedoch weitere K├╝hlungsma├čnahmen die Schwere der Verbr├╝hung positiv beeinflussen k├Ânnen. Trotzdem tat er nichts.
  • Wenn mehr als 5% der Hautoberfl├Ąche des Kindes verbr├╝ht sind, muss dieses wegen eines drohenden Eiwei├čschocks sowie Fl├╝ssigkeitsverlustes station├Ąr behandelt werden. Dr. X wies uns weder darauf hin, dass unser Kind in ein Kinderkrankenhaus zur Weiterbehandlung geh├Âre, noch wies er darauf hin, dass wir Louisa aufgrund der Verletzung vermehrt etwas zu trinken geben m├╝ssten.
  • Die Infektionsgefahr bei solchen Wunden ist sehr hoch. Trotzdem hat Dr. X die Wunde nicht fachm├Ąnnisch verbunden. Louisa riss sich den Verband sofort vom K├Ârper. Auf unsere Bitte, den Verband zu erneuern, erwiderte er, dass dies keinen Zweck h├Ątte, sie w├╝rde ihn sich wieder abrei├čen. Danach schickte er uns auf den Gang und gab uns auch f├╝r zu Hause keine weiteren Anweisungen mit, au├čer auf den Kinderarzt zu verweisen.
  • Zu guter Letzt lie├č Dr. X jegliches Feingef├╝hl gegen├╝ber der Patientin (einem zweij├Ąhrigen Kind!) sowie deren Eltern, auch wir standen schlie├člich unter Schock, vermissen.

F├╝nf Monate sp├Ąter erhielten wir eine Kopie der Stellungnahme des Herrn Dr. X an die Schlichtungsstelle. Diese war in unseren Augen der blanke Hohn. Hierbei wurde uns nochmals die Arroganz des Arztes bewusst. Denn er bestritt unsere Vorw├╝rfe komplett. Hiergegen erhoben wir Einspruch. Zeitgleich wurden wir zu einem Gutachter bestellt, der die Sachlage unabh├Ąngig kl├Ąren sollte. Aber diesem Gutachter entging, obwohl er s├Ąmtliche Krankenberichte bekam, das richtige Ausma├č der Verbr├╝hung. Anscheinend hatten wir nur zum Spa├č Haut transplantieren lassen. In seinem Gutachten stimmte zwar der Gutachter in einigen Punkten mit uns ├╝berein, aber in seinem Fazit schrieb er: " ...Insgesamt gesehen sind durch die genannten Vers├Ąumnisse des erstbehandelnden Arztes (keine weiter K├╝hlung, kein erneutes Anlegen eines Flammazine-Verbandes, keine sofortige ├ťberweisung in eine Spezialklinik) f├╝r das Kind keine nennenswerten zus├Ątzlichen gesundheitlichen Beeintr├Ąchtigungen entstanden."

F├╝r einen neutralen Gutachter finden wir dies ein schwaches Ergebnis. Wir erhoben nochmals Einspruch, diesmal gegen das Gutachten. Hier der Brief an die Schlichtungsstelle:

"... Wir m├Âchten noch einmal die Gelegenheit ergreifen, um auf einige Dinge hinzuweisen, die unvollst├Ąndig oder nicht korrekt wiedergegeben worden sind. Anscheinend hat der beauftragte Gutachter die eingereichten Unterlagen nicht sorgf├Ąltig studiert, wof├╝r wir, ehrlich gesagt, kein Verst├Ąndnis haben. Im einzelnen bem├Ąngeln wir folgende Punkte des Gutachters: der Durchmesser der Wunde betrug keineswegs 1,5 cm, sondern die Ausma├če der Wunde betrugen vielmehr  7 x 4 cm (siehe Bericht aus ... und an Louisa selbst).

Unsere Tochter erlitt eindeutige Verletzungen 3.Grades (ebenfalls Bericht aus ...) somit ist die Beurteilung der Tiefe der Verletzung im erstbehandelnden Krankenhaus, sowie auch in der Kinderklinik nicht korrekt vorgenommen worden. Das Abtragen der Blasen war zwar richtig, dennoch wartete Dr. X nicht die Wirkung der gegebenen Schmerzmittel ab. Da ihn auch die schrecklichen Schreie unserer Tochter nicht anhalten lie├č (um ein paar Minuten abzuwarten) klagen wir ihn der K├Ârperverletzung an.

Anschlie├čend m├Âchten wir noch auf die Gesamtbeurteilung des Gutachtens eingehen. Nur durch unsere Initiative in eine andere Klinik zu fahren, sind schlimmere Folgen vermieden worden. Trotzdem erlitt unsere Tochter eine III. Verbr├╝hung von 7 x 4 cm. Die Frage ist, was passiert w├Ąre, wenn wir auf den Rat von Dr. X  geh├Ârt h├Ątten und nicht in die n├Ąchstgelegene Kinderklinik gefahren w├Ąren. Dem Fazit des Gutachters k├Ânnen wir uns deshalb nicht anschlie├čen. Wir bitten Sie deshalb, diese Angelegenheit nun endlich mit der n├Âtigen Sorgfalt zu verfolgen.

Bei genauem Studium der Unterlagen wird klar, dass nicht nur bei der Erstbehandlung eindeutige Fehler gemacht wurden, sondern auch das weiterbehandelnde Krankenhaus die Tiefe der Wunden, sowie deren Ausma├č untersch├Ątzte (da dieses aber im Gegensatz zum Vorgang des Erstbehandlers keine Auswirkungen auf den Verlauf hat, lassen wir es auf sich beruhen).

Leider waren wir erst nach viereinhalb Wochen beim spezialisierten ├ärzteteam in kompetenten H├Ąnden. Dieses sch├Ątzte dann auch die Lage richtig ein und behandelte dementsprechend. Nach 5 langen Wochen waren die Wunden nach erfolgreicher Transplantation verheilt.

Dieses h├Ątte bei sofortiger kompetenter Hilfe nach ein, maximal zwei Wochen der Fall sein k├Ânnen. Da wir dieses auch von unabh├Ąngigen Spezialisten aus der Schweiz best├Ątigt bekommen haben, behalten wir uns weitere Schritte nach wie vor vor ."

Nachdem die Schlichtungsstelle nun alle Unterlagen beisammen hatte und alle Parteien geh├Ârt hatte, kam sie zu folgendem Urteil: " ... Nach kritischer Beurteilung des Gutachtens und der Stellungnahme zum Gutachten kommt die Schlichtungsstelle zu folgendem Ergebnis:

Bei der Erstbehandlung sind Behandlungsfehler aufgetreten:

  • Unterlassung weiterer k├╝hlender Ma├čnahmen

  • Fehleinsch├Ątzung des Ausma├čes der Verbr├╝hungswunden

  • Unterlassung der sofortigen Einweisung in eine spezialisierte Einrichtung.

Aus den Behandlungsfehlern sind dank der schnellen selbst├Ąndigen Entscheidung der Eltern keine negativen Folgen f├╝r das Ausheilungsergebnis entstanden. Die Gesamtdauer der Behandlung wurde gleichfalls nicht durch die Fehler bei der Erstbehandlung verl├Ąngert. Anspr├╝che lassen sich insoweit nicht ableiten.

In Erg├Ąnzung zum Gutachten ist die Schlichtungsstelle jedoch der Auffassung, dass durch die verz├Âgerte klinische Behandlung ein Anspruch auf Schmerzensgeld besteht. Bei sofortiger station├Ąrer Behandlung w├Ąren neben der lokalen Therapie der Verbr├╝hungswunden auch allgemeine Ma├čnahmen einschlie├člich Schmerz- und Beruhigungstherapie durchgef├╝hrt worden. Diese Schmerz- und Beruhigungstherapie verz├Âgerte sich um ca. 4 Stunden bis zur Aufnahme im Kinderkrankenhaus.
Wir halten Schadensersatzanspr├╝che f├╝r begr├╝ndet, so dass wir empfehlen, die Frage einer au├čergerichtlichen Regelung zu pr├╝fen. ..."

Nach dieser Stellungnahme meldete sich umgehend die Versicherung des Krankenhauses (1:0 f├╝r uns) und bat um eine au├čergerichtliche Einigung. Die Versicherung schlug uns f├╝r die verz├Âgerte Klinikaufnahme DM 750. - vor. Auf meine Frage, mit welchen Konsequenzen der Arzt zu rechnen h├Ątte, erkl├Ąrte die Versicherung, der Arzt habe mit keinen Konsequenzen zu rechnen. Ich war wie vor den Kopf gesto├čen. Wir bekamen Recht, aber der Arzt kam ungeschoren davon. Das konnte nicht richtig sein, weshalb ich nochmals mit unserem Anwalt sprach, und lehnte die angebotene au├čergerichtliche Einigung ab. Dieser riet mir, um den Arzt zur Rechenschaft ziehen zu k├Ânnen, m├╝ssten wir ihn entweder verklagen oder das Gutachten an die ├ärztekammer direkt senden (da sich die beiden Stellen, ├ärztekammer und Schlichtungsstelle ├╝ber erteilte Urteile nicht austauschen). In meinen Augen wieder eine Falle. H├Ątte ich nicht nachgehakt, w├Ąre damit der Fall erledigt gewesen, Louisa h├Ątte ein Minimalschmerzensgeld erhalten und der Arzt w├Ąre nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Aber das wollten wir nat├╝rlich nicht.

Uns ging es ja darum den Arzt zur Verantwortung zu ziehen. Wir ├╝bergaben den Fall der ├ärztekammer. Doch leider kamen die Unterlagen, die wir per Post geschickt hatten, nicht an. Als ich 3 Monate sp├Ąter nachfragte, kannte keiner unseren Vorfall. Aber nach nochmaligem Schicken der Unterlagen kam die Sache dort ins Rollen. Die ├ärztekammer forderte eine weitere Stellungnahme von Dr. X ein. Dieser hielt es bis heute nicht f├╝r n├Âtig, darauf zu antworten und somit entschloss sich die ├ärztekammer am 12.07.99 weitere Ermittlungen einzuleiten, die gegebenenfalls in ein nicht ├Âffentliches Gerichtsverfahren einm├╝nden werden. Falls dieses nicht der Fall sein sollte, behalten wir uns weiter Schritte wie Anwaltsanklage und Pressever├Âffentlichung vor.

Von Paulinchen e.V. wei├č ich, dass es noch h├Ąrtere Schicksale, als das unsere gibt. Einige Kinder hatten auch unter Fehlentscheidungen zu leiden. Und wenn es auch ein steiniger Weg war, so glauben wir doch, dass es sich gelohnt hat. Wir k├Ânnen zwar unseren Unfall nicht ungeschehen machen, aber vielleicht haben wir anderen damit geholfen, die in dieses Krankenhaus zur Erstbehandlung kommen und Dr. X handelt das n├Ąchste Mal etwas besonnener.   
Familie W., 1999

...So ging es weiter ÔÇô Anschlussbericht von 2003

Nun besann sich der Arzt und reichte eine weitere Stellungsnahme bei der Ärztekammer ein. Diese las sich dann schon ganz anders. Endlich gab Dr. X einen Teil seiner Fehler zu und bedauerte den ganzen Vorfall stark.

Nach weiteren acht Wochen kam nun die Beurteilung der Ärztekammer aus Hamburg, mit folgendem Wortlaut:

"Sehr geehrte Frau W,
in der vorbezeichneten Angelegenheit hat sich der Vorstand abschlie├čend mit Ihrer Beschwerde gegen├╝ber Dr. X in seiner Sitzung am 10.01.2000 befasst. Grundlage der Vorstandsentscheidung waren die Stellungnahme von Dr. X und das Gutachten sowie die Bewertung der Schlichtungsstelle f├╝r Arzthaftpflichtfragen in Hannover.
In seiner Stellungnahme vom 30.11.1999 f├╝hrt Dr. X zusammengefasst aus, dass er die Schwere der Verbr├╝hung Ihres Kindes untersch├Ątzt habe. Die Unterscheidung zwischen Grad II.a und II.b der Verbr├╝hung ist im Erstbefund oft nicht m├Âglich, was, wie Ihnen ebenfalls bekannt ist, im Gutachten der Schlichtungsstelle best├Ątigt wird. Dieser Unterschied wird erst im weiteren Verlauf deutlich. Die Fehleinsch├Ątzung der Ausdehnung der Verbr├╝hung f├╝hrte au├čerdem dazu, dass Dr. X eine ├ťberweisung in ein spezialisiertes Behandlungszentrum unterlie├č. Hinsichtlich des Verbandes f├╝hrt er jedoch aus, dass dieser lediglich verrutscht, die Wunde also nicht vollst├Ąndig blo├čgelegt worden sei. Er bedauert ausdr├╝cklich seine Fehleinsch├Ątzung und Vers├Ąumnisse, die zu einer zus├Ątzlichen Belastung Ihres Kindes gef├╝hrt haben und ist froh, dass trotz allem keine nennenswerten weiteren gesundheitlichen Beeintr├Ąchtigungen entstanden sind.
Die ├ärztekammer wacht als Standesvertretung ihrer Mitglieder ├╝ber die Einhaltung der Berufsordnung der Hamburger ├ärzte und ├ärztinnen (BO). Dort findet sich auch die gesetzliche Regelung ├╝ber die Berufsaus├╝bung im ┬ž 1 der BO, welchen wir auszugsweise zitieren: "Aufgabe des Arztes ist es, Leben zu erhalten, die Gesundheit wieder herzustellen sowie Leiden zu lindern. Der Arzt ist verpflichtet, seinen Beruf gewissenhaft auszu├╝ben und dem ihm im Zusammenhang mit dem Beruf entgegengebrachten Vertrauen zu entsprechen."

Vor dem Hintergrund der Stellungnahme, die zum Ausdruck bringt, dass Dr. X die Fehleinsch├Ątzung des Ausma├čes der Verbr├╝hung bedauert, beschloss der Vorstand, nunmehr die Vorermittlungen einzustellen und das Verfahren damit abzuschlie├čen. Es ist aus Sicht des Vorstandes zu Recht festgestellt worden, dass Dr. X bei der Behandlung Ihrer Tochter ein Behandlungsfehler unterlaufen ist. Aber auch die Stellungsnahme des Arztes und die Bewertung seines medizinisch-fachlichen Vorgehens im Gutachten der Schlichtungsstelle l├Ąsst erkennen, dass der ihm unterlaufene Behandlungsfehler nicht auf grobe Fahrl├Ąssigkeit zur├╝ckgeht. Das Abtragen der Blasen, das Anlegen eines sterilen Flammazine - Verbandes und die Abkl├Ąrung des Tetanusschutzes stellen die erforderlichen und sachgerecht durchgef├╝hrten Sofortmassnahmen dar. Sie h├Ątten jedoch erg├Ąnzt werden k├Ânnen einerseits durch weitergehende K├╝hlung und die sorgf├Ąltige Sicherstellung der Weiterbehandlung in einer Spezialklinik. Den sich durch die Unterlassung der ad├Ąquaten Weiterversorgung ergebenen Sorgfaltsmangel werden wir auch Dr. X gegen├╝ber angemessen zum Ausdruck bringen. Es ist uns jedoch nicht m├Âglich, Ihnen n├Ąhere Details mitzuteilen, da es sich um ein arztinternes Verfahren handelt.
Der nachfolgend g├╝nstige Behandlungs- und Genesungsverlauf ist wesentlich Ihrem schnellen und selbst├Ąndigen Handeln zuzuschreiben. Es ist vorrangig Ihrer Eigeninitiative zu verdanken, dass weiterer Schaden von Ihrem Kind abgewendet wurde. Zwar ist letztlich aus Sicht des Gutachters festgestellt worden, dass sich das Vorgehen von Dr. X insgesamt nicht gravierend auf die Dauer der weiteren Behandlung sowie das Heilungsergebnis ausgewirkt haben, dennoch hat Ihre sowohl kritische wie auch f├╝rsorgliche Einstellung sicher zur Minimierung der Folgen des Behandlungsfehlers beigetragen.

Wir hoffen, dass sich der weitere Heilverlauf komplikationslos und zum Wohle Ihres Kindes gestaltet."

Nach ├╝ber zwei Jahren intensivem Schriftverkehr hatte dieses nun endlich zur Folge, dass Dr. X seinem Vorgesetzten im Krankenhaus den Vorfall schildern musste und ja auch -  wie von der ├ärztekammer angedeutet -  eine Verwarnung sowie einen Eintrag in seine Personalakte f├╝r sein Verhalten bekam.

Nat├╝rlich h├Ątten wir jetzt mit dem "f├╝r uns positiven" Schreiben der ├ärztekammer den Arzt auch zivilrechtlich verklagen k├Ânnen. Aber in der Gewissheit, dass unsere Vorw├╝rfe im Nachhinein ihre Best├Ątigung fanden, entschieden wir uns, die Sache juristisch nicht weiter zu verfolgen. F├╝r mich pers├Ânlich war das anders, mir ging es immer noch schlecht, denn jedes Mal, wenn ich an Dr. X dachte oder an dem Krankenhaus vorbeifuhr, bekam ich einen Klo├č im Hals.

So beschloss ich Dr. X einen pers├Ânlich Besuch abzustatten, um mit ihm ├╝ber alles zu reden. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging eine Woche sp├Ąter mit dem "Paulinchen - Heft" mit unserem Artikel in der Hand ins Krankenhaus.

Dr. X wusste vorher nichts von meinem Besuch, aber als ich mich ihm vorstellte und sagte, ich sei die Mutter von Louisa, dem brandverletzten Kind von vor 1 ┬Ż Jahren, nahm er sich gleich Zeit, mit mir zu reden. Ich erkl├Ąrte ihm, wie es mir ginge, dass ich ihn immer noch als das "Ungeheuer" von damals s├Ąhe, und dass ich mich mit den Narben von Louisa abgefunden habe, aber nicht mit seinem Verhalten. Und dann gab ich ihm den Artikel mit den Bildern in die Hand. Wir sprachen lange miteinander und in dem Gespr├Ąch erkl├Ąrte er mir aus seiner Sicht, wie es zu der Falschbehandlung und Fehleinsch├Ątzung kommen konnte. Das Krankenhaus hatte erst seit einem ┬Ż Jahr eine Notfallambulanz, und da dieser Bau sehr teuer gewesen war, gab es an alle ├ärzte die Anweisung, m├Âglichst viele Versorgungen durchzuf├╝hren. Es w├Ąre allerdings korrekt gewesen, einen Krankenwagen zu rufen und Louisa in eine Brandverletzteneinrichtung zu ├╝berweisen.

In der Art, wie er mir noch weitere Sachen schilderte, und nachdem wir den Unfallhergang noch einmal genau durchgesprochen hatten, wurde mir klar, dass Dr. X f├╝r mich kein "Ungeheuer" mehr ist. Er schob die Verantwortung nicht auf andere, sah seine Fehler ein und bedauerte alles sehr. Er sagte mir auch, wie er sich selbst durch Louisas Unfall und die Klage ver├Ąndert und auch die Einstellung zu seinem Beruf nachhaltig ge├Ąndert habe.

Inzwischen sind noch einmal zwei Jahre vergangen, und es sind wirklich kaum noch Nachwirkungen, was Louisa betrifft und gar keine mehr, was die Gef├╝hle gegen├╝ber Dr. X angehen, zu sp├╝ren. Ihre Haut ist einfach etwas anders an den betroffenen Stellen, aber jeder Mensch ist irgendwie anders. Dass wir das so sehen k├Ânnen und die Narben gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, ist auch ein gro├čer Verdienst der Elterninitiative brandverletzte Kinder ÔÇô Paulinchen e.V.

Vielen Dank von Familie W.

 

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