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9 Jahre nach dem Unfall des Bruders

Meine Eltern baten mich vor einiger Zeit einen Erfahrungsbericht über den Unfall meines Bruders zu schreiben, aus der Sicht eines Geschwisterteils - wie ich mich damals gefühlt habe, und was mir in Erinnerung geblieben ist.

Diesen Bericht zu schreiben, war für mich nicht einfach, zum einen, weil der Unfall meines Bruders nun schon vor über neun Jahren passiert ist, und zum anderen, weil ich nicht nur Positives zu berichten habe.
Der Unfall ereignete sich im Februar 1994, mein Bruder war damals neun Jahre alt und ich zwölf, fast dreizehn.

Begonnen hat alles damit, dass ich eigentlich gar nichts mitbekommen habe. Ich kam aus der Schule nach Hause und habe niemanden zu Hause angetroffen. Ein Mitarbeiter der Firma meiner Eltern sagte mir, dass mein Vater beruflich unterwegs sei und meine Mutter nicht da wäre, weil mein Bruder sich auf einem Kindergeburtstag die Finger verbrannt habe. Da habe ich mir noch nichts dabei gedacht, schließlich wird da schon nichts Schlimmes passiert sein. Wenn ich mich recht erinnere, bin ich nachmittags noch losgefahren, um mich mit einer Freundin zu treffen. Abends ging ich auf mein Zimmer und bin irgendwann nach unten ins Wohnzimmer gegangen, da ich etwas gehört hatte. Und da sah ich meine Eltern mit meinen Großeltern zusammen sitzen, meine Mutter war völlig aufgelöst und auch mein Vater wirkte sehr beunruhigt. Ich fragte, was los sei, und da berichteten meine Eltern mir von dem Unfall. Ich war ziemlich geschockt und konnte das Ganze noch gar nicht richtig realisieren, ich glaube, ich bin gleich wieder in mein Zimmer gegangen und habe mich verkrochen. Aber zu mir ist niemand gekommen und hat mir Bescheid gesagt. Ich habe es erst erfahren, als meine Großeltern schon bei uns waren.
Die nächsten Tage liefen eigentlich immer gleich ab. Meine Mutter habe ich so gut wie gar nicht gesehen, da sie früh morgens ins Krankenhaus gefahren ist und erst spät abends wieder kam. Nachmittags nach der Arbeit fuhr auch mein Vater ins Krankenhaus und kam erst spät abends wieder. Deshalb war meine Großmutter jeden Tag bei uns, um sich um mich, meinen Vater und den Haushalt zu kümmern. Der Vorteil war, dass man von der Oma ja immer etwas mehr verwöhnt wird als von der Mutter. Ich habe das genossen. Dazu kam, dass mein Vater mir morgens vor der Schule mehrmals Geld gegeben hat, mit den Worten „Kauf dir dafür einen schönen Videofilm für heute Nachmittag“. Und ich bin nach der Schule los, um mir ein Video zu kaufen. Nach einiger Zeit wusste ich gar nicht mehr, was ich kaufen sollte. Ich fand das aber klasse, schließlich durfte ich bis dahin nicht sehr viel fernsehen, vor allem nicht am Nachmittag. Später, mit etwas Abstand, habe ich das ganz anders gesehen. Ich dachte nun, dass meine Eltern mich mit dem Fernseher beschäftigen wollten und fühlte mich vernachlässigt. Heute denke ich, dass meine Eltern mich tatsächlich ablenken und beschäftigen wollten, sie wussten sich einfach nicht anders zu helfen. Trotzdem denke ich, dass meine Eltern sich etwas mehr um mich hätten kümmern können. Ich fühlte mich einfach über.

Ich durfte damals nie mit ins Krankenhaus, weil mein Bruder auf der Intensivstation lag und ich ja noch unter vierzehn war. Meine Eltern hätten aber sicherlich etwas machen können, wenn sie gewollt hätten. Sie wollten mir den Anblick jedoch ersparen, das fand ich damals ziemlich gemein, schließlich lag da mein Bruder und ich durfte nicht zu ihm. Heute bin ich froh, dass meine Eltern damals so gehandelt haben, um mich zu schützen.

Ich weiß noch, als ich ihn das erste Mal besucht habe. Er lag nun auf einer Mutter – Kind Station, wo meine Mutter auch übernachten konnte. Ich war ganz schön geschockt, habe aber versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Die Narben waren noch sehr rot, und ich hatte so etwas noch nie gesehen. Da habe ich eingesehen, dass es das Beste für mich war, meinen Bruder nicht auf der Intensivstation gesehen zu haben. Dafür war ich noch zu jung. Die nächste Zeit sind mein Vater und ich nachmittags oft ins Krankenhaus gefahren und haben meinen Bruder und meine Mutter besucht. Ich fing damals schon an, eifersüchtig zu werden. Meine Eltern haben meinem Bruder öfter etwas geschenkt und nicht nur Kleinigkeiten. An eine Art Delphinarium für Robben von Playmobil kann ich mich besonders erinnern, weil ich das immer gerne haben wollte.
Auf dem Rückweg haben mein Vater und ich uns oft etwas zu Essen mitgebracht und auf der Fahrt viel geredet, wobei ich auch erfahren habe, dass mein Vater gleich am Tag nach dem Unfall meine Klassenlehrerin über den Unfall informiert hatte, um mein eventuell verändertes Verhalten zu erklären. Mit mir hat meine Lehrerin jedoch nie gesprochen, was ich auch gut fand. Es war für mich jedoch trotzdem gut zu wissen, dass in der Schule jemand Bescheid wusste.

Irgendwann kam mein Bruder nach Hause, darauf hatte ich mich auch gefreut. Meine Oma hatte eine Torte gebacken und alle Verwandten sind zu Besuch gekommen. Dann kam mein Bruder und ich war Luft. Alles kümmerte sich um ihn und ich fühlte mich irgendwie fehl am Platz. Ich ging dann irgendwann alleine in mein Zimmer und dachte, vielleicht fällt es ja jemandem auf. Nach einiger Zeit, als mich niemand gesucht hatte, bin ich wieder ins Wohnzimmer gegangen, doch es schien niemandem aufgefallen zu sein, dass ich einige Zeit nicht da war. Ich fühlte mich damals so allein und bin ehrlich gesagt auch immer noch traurig, wenn ich daran denke. Ich fühlte mich einfach nur vernachlässigt und überflüssig.
Das wurde in meinen Augen auch mit der Zeit nicht besser, sondern schlimmer, nicht was das Materielle anging, sondern emotional. Auf meinen Bruder musste man ja immer mehr Rücksicht nehmen und auf ihn musste man immer besonders aufpassen. Mit mir ging ja alles glatt. Habe ich Geschirr im Wohnzimmer stehen lassen, musste ich es wegräumen, ließ mein Bruder etwas stehen, hat man das übersehen. Auf ihn waren alle superstolz, als er sich das erste Mal alleine Spaghetti kochte, bei mir war es normal. Das sind nur kleine Beispiele, es geht mir hier einfach um die Gleichberechtigung.
Heute hat sich das alles sehr verändert. Mein Bruder ist inzwischen volljährig und meine Eltern haben wohl eingesehen, dass sie ihn nicht immer beschützen können.

Ich möchte noch einmal sagen, dass ich meine Eltern hier nicht schlecht machen möchte. Für sie war die Situation damals auch nicht einfach und sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Ich wollte hier nur einmal zeigen, was mir besonders in Erinnerung geblieben ist und vielleicht auch, was man hätte besser machen können.

A., 23 Jahre

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